Delhi: Unbeschreiblich

Delhi: Unbeschreiblich

lost in india

Seit zwei Tagen befinden wir in uns in Delhi, der Hauptstadt Indiens. Als ich vor 4,5 Wochen meine ersten Eindrücke von Nepal sammelte, hatte ich das Gefühl eine Light-Version von Indien zu erleben – ohne zu wissen wie Indien sein würde. Jetzt, wo wir das zweitgrößte Land (die Einwohnerzahl betreffend) der Welt erreicht haben, weiß ich bereits, dass diese Vorahnung absolut richtig war. Delhi ist der perfekte Indien-Stereotyp, übertrifft sogar meine Vorstellungen. Leider im negativen Sinne. Je länger wir uns in dieser Stadt aufhalten, desto mehr kann ich nachvollziehen warum Indien nicht bei jedem auf der Bucket-List zu finden sein wird. Was ist der Reiz? Die Geruchsmischung aus Kuhmist, Müll, Abgasen und Urin wird es kaum sein. Der andauernde Lärm, ununterbrochenes Hupen und aufdringliche Menschen klingen nicht unbedingt verlockender. Und die Tatsache, dass die Luftverschmutzung in der Hauptstadt Indiens katastrophal gefährliche Werte aufweist, lockt Reisende auch nicht schneller in das Land. Den ersten Tag verbringen wir hauptsächlich im Hotel. Der Smog bereitet mir starke Kopfschmerzen, ich fühle mich schwach & ausgelaugt – als hätte ich das Wochenende durchgefeiert.  Delhi lädt nicht zum Verweilen ein und den Reiz der Stadt habe ich noch nicht gefunden. In Nepal hat es noch einen Reiz gehabt das neue Unbekannte zu fotografieren und stehen zu bleiben, um die Eindrücke auf sich wirken zu lassen. In Delhi verlässt mich das Bedürfnis Fotos zu schießen – sobald ich meine Kamera auf etwas richte, drehen mindestens fünf Menschen neben mir ihren Kopf in die gleiche Richtung und versuchen zu erahnen, was ich Sehenswertes entdeckt haben mag. Zum Teil stellen sie sich sogar hinter mich und prüfen was auf meinem Kamerabildschirm zu sehen ist. 

Es gibt viele Kühe, viele Straßenhunde und viel Armut auf den Straßen, die in Dreck und Staub versinken. Auf den Straßen fahren Autos, Roller, Rikschas, Tuktuks und Fahrräder und es passiert jeden Tag mindestens fünf Mal, dass wir fast angefahren werden. 

Das Gefühl als Tourist in dieser Stadt unterwegs zu sein, macht keinen Spaß. Unsere Tipps für Indien waren – lasst euch von niemandem ansprechen, geht mit niemandem mit, reagiert am besten gar nicht. Und selbst wenn wir nicht reagieren, folgt uns der ein oder andere Rikscha-Fahrer hunderte von Metern bis er seine Überzeugungskünste am nächsten Touristen übt. Zumindest wenn er einen anderen Touristen findet – sie sind nämlich rar. Wir sind entweder in komplett falschen Gegenden unterwegs oder haben bisher noch nicht mehr westliche Touristen getroffen als Finger an meinen beiden Händen. Wir haben viel über Tourist-Scams gelesen und auch im Hotel werden wir direkt vom Besitzer auf die typischen Maschen der TouriTrickbetrüger hingewiesen. Vertraue niemandem, sprich mit niemandem und ich habe für mich gelernt nicht mal Menschen anzuschauen. Wenn wir durch die Straßen gehen werde ich angestarrt, angerempelt, höre Pfeifen. Die Blicke dieser Männer, auch von Jungen, sind eindringlich und beängstigend. Sie lassen mir die Schlagzeilen der Massenvergewaltigung von vor fünf Jahren in den Kopf huschen: Eine junge Frau, Jyoti Singh, wurde von fünf Männern in einem Bus brutal vergewaltigt, sodass sie an inneren Verletzungen gestorben ist. Sie war nach einem Kinobesuch mit einem Freund auf dem Heimweg in einen Bus gestiegen, den falschen Bus. Dieser Vorfall ist heute genau fünf Jahre her. Das Thema Gewalt gegen Frauen führte seither immer wieder zu starken Protesten. In den letzten Hotels hatten wir englisches TV-Programm mit indischer Werbung – ein Werbespot fällt dabei besonders auf: Eine Uhr für Frauen. Diese Uhr hat eine Alarmfunktion und soll zur Sicherheit von Frauen beitragen – oder wenigstens dem Gefühl. Je mehr ich mich in dieses Thema einlese, desto schwieriger wird es für mich in diesem Land anzukommen. Gewalt gegen Frauen ist nicht nur ein Indien-Problem, aber die Blicke der Männer geben mir das Gefühl vorsichtiger und bedachter handeln zu müssen. Gerade junge Männer bleiben stehen, drehen sich zum Teil mehrfach um und versuchen versteckt Fotos mit mir zu machen. 

Ob ich mich sicher fühle? Ich würde nicht allein durch die Straßen Delhis laufen wollen. Heute gab es einen kurzen Moment der Unruhe – Oleg & ich hatten uns verloren. Es war wie eine klassische Filmszene: die Metro, Oleg in der Bahn, ich am Bahnsteig – die Tür schließt, ich komme nicht rein, die Bahn fährt davon. Oleg ohne Handy, ich ohne Geld. Mein logischer Verstand sagte mir, dass wir uns vermutlich bereits in max. 10 Minuten am Bahngleis unserer vereinbarten Station sehen werden, aber meine Gedanken riefen immer wieder – was wenn nicht? Was, wenn Oleg nicht bis zur Station fährt und umkehr? Oder die Station verpasst? Was, wenn ihr euch jetzt und hier verliert, in Delhi? Wir trafen uns 20 Minuten später an der Station, aber die kurz real werdenden möglichen Szenarien beschäftigen mich noch jetzt, Stunden später. Wir irrten danach ewig an der Metro-Station herum, bis wir den richtigen Ausgang gefunden hatten und marschierten zum Hotel. Das Bahnhofsviertel ist nie ein hübsches Viertel, sagt man. Und so war ich nicht verwundert, aber doch kurz geschockt an einer Gruppe Obdachloser vorbeizulaufen, die sich neben mir Drogen spritzten. 

In unseren ersten zwei Tagen Indien haben sich bereits viele Bilder von diesem Land geprägt. Wir erkunden Städte, gerne zu Fuß und nah am lokalen Leben. In Delhi überfordert mich diese Nähe jedoch und wir sollten uns an die Empfehlung halten, die Stadt per Uber zu erkunden – ins Auto rein und am Ziel wieder raus. Die Straßen Delhis sind kulturell stark geprägt, aber doch zu intensiv für mich. Die Männerblicke, die Geräuschkulisse, die Gerüche und das Elend sind schwer zu verarbeiten. 

Warum wir trotzdem in Delhi sind? Wie schon in Nepal, liegt der Zauber dieser Länder meist in den Landschaften & Kulturen außerhalb des Zentrums – es gilt: weniger ist mehr. Doch wir brauchen etwas Zeit, um eine Route zu bauen, Recherche zu betreiben und die Entwicklung unserer Verdauung abzuwarten. Wir haben uns bereits eine erste Routine erarbeitet und beglücken jeden Abend den Obstverkäufer unseres Vertrauens sowie unseren Lieblings-Tea-Stall. Während wir in Vietnam noch kaffeeverrückt waren, hat hier der Chai Überhand genommen. Nach mehr als vier Monaten Asien haben wir das Land erreicht, das uns bisher am weitesten aus unserer Komfort-Zone lockt und in das kalte Wasser schmeißt. Und so wird es zu einem Ort, an dem wir uns beide automatisch nach mehr Zivilisation sehnen. Nach Mülleimern, nach Ampeln, nach Preisschildern. Wir sehnen uns danach, nicht an jeder Ecke das Gefühl zu haben über den Tisch gezogen zu werden und Essen&Trinken ohne Sorge zu konsumieren. Indien wird für uns vielleicht schwieriger als gedacht. Oder einfacher sobald wir Delhi verlassen? 

Bereits morgen werden wir abreisen und eine Erkundungstour durch den Norden Indiens starten – Jaipur, die pinke Stadt, ist unser nächstes Ziel.

 

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