Kathmandu: Nepal sehen, hören, fühlen

Kathmandu: Nepal sehen, hören, fühlen

der kulturschock

Es ist Mitte November und noch eine gute Reisezeit für die letzten Sonnenstrahlen Nepals, bevor der Winter das Land erreichen soll. ​Unser – Abenteuer Nepal – beginnt bereits am Flughafen in Kuala Lumpur. In unserem Wartebereich vor dem Boarding sitzen zu 95 Prozent Männer. Erst im Flugzeug sehe ich ein paar vereinzelte Frauen und auch westliche Touristen. Der Weg zu einem freien Sitzplatz fühlt sich ewig an, viele Männerblicke haften an mir. Es ist ein komisches Gefühl und ich bin nicht traurig im Flugzeug links neben mir eine Frau und rechts neben mir Oleg zu haben. Immer wieder drehen sich Männer aus den Reihen vor uns während des Fluges um und starren mich für ein paar Minuten an. Meine Aufregung und Freude auf Nepal paaren sich mit verwirrten bis ängstlichen Gefühlen – wird mich das die nächsten 30 Tage erwarten?  

Der Flug von Kuala Lumpur nach Kathmandu dauert rund vier Stunden. Wir erreichen unser sechstes Reiseland mit einer Zeitzonendifferenz von 2 h und 15 Minuten. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass sowas überhaupt möglich ist und ich habe nur stündliche Zeitunterschied erlebt. Der Flughafen ist recht klein und überschaubar. Während wir auf den Shuttlebus warten, der uns die 300 Meter zum Eingang fahren soll, landen und starten direkt neben uns die Flugzeuge – mehr als 150 Meter sind nicht zwischen mir und den Flugzeugen. 

Wir können uns beide ein Visa-on-Arrival für 30 Tage für 40 Dollar besorgen und auch wenn die Beschilderung ein wenig in die Irre führend ist, sind wir 30 Minuten später offiziell in Nepal eingereist. Auch unser Gepäck hat Nepal erreicht, bis wir unsere Rucksäcke wieder auf unserem Rücken spüren können, wird jedoch noch viel Zeit vergehen. Gemeinsam mit einem Flug aus Indien werden alle Gepäckstücke auf ein (!) Gepäckband gelegt. Das Chaos ist unvorstellbar. Ich war schon im Flugzeug überrascht von der Menge an Menschen, die an einem Dienstag Vormittag nach Nepal reisen wollen. Doppelt so viele Passagiere standen in einer winzigen Halle und schafften tonnenweise Gepäck an uns vorbei. Hier reist nicht jeder Fluggast mit maximal einem Koffer – hier reist jeder Fluggast mit drei Koffern, die alle sorgfältig mit Adresse & Name des Besitzers versehen wurden, und zwei neuen Flachbildschirmen. Das waren Reisekoffer in Größen, die ich noch nie gesehen habe. Glücklicherweise verursachte dieser Anblick in mir keinerlei Stress, ganz im Gegenteil. Mit dem Wissen diesen Flughafen so schnell nicht verlassen zu können, suchte ich mir ein ruhiges Eckchen in der Halle und schickte Oleg auf Gepäcksuche. Er war eindeutig im körperlichen Vorteil bei diesem Chaos und ich war mir noch nicht sicher wie viel Körperkontakt ich zu dieser Männermasse aufbauen wollte. Neben mir sammelten sich weitere Trekking-Touristen, die bereits in Wander-Spezialkleidung unterwegs waren. Entweder würden sie direkt die 6km in die Stadt wandern oder sie sparten sich ein paar Kilo Gepäckgewicht durch den guten alten Zwiebellook. Uns erwarteten 40 Minuten später ein englischsprechender Taxi-Vermittler, ein Taxi-Counter und eine Taxi-Fahrt in das touristische Stadtzentrum Thamel. 

Kaputte, holprige Straßen, eine grau-braune Stadtlandschaft, in überfüllte Busse hüpfende Menschen, bettelnde Kinder an Fensterscheiben. Und wir mittendrinne – ohne Orientierung und größtem Vertrauen in unseren Taxifahrer, der auf dem Weg noch seine Frau einsammeln wollte. Diese Stadt ist laut und der Verkehr einnehmend. Ich blickte in Olegs Gesicht und wusste, dass auch er Respekt vor unserer neuen Situation hatte. Und dass wir beide hier keinen Roller fahren würden.

Wir hatten uns für eine Nacht eine Airbnb-Unterkunft gebucht. Ein netter Mann namens Hemraj sollte uns bei sich Zuhause aufnehmen. Eine nette Familie, gemeinsame Abendessen, viele Tipps und ein gemütliches Zuhause in zentraler Lage sollten uns Erwarten – so die letzten Bewertungen. Alles was wir tun sollten war Hemraj bei seinem Arbeitsplatz, dem Family Peace House, zu besuchen und er würde mit uns zu sich nach Hause fahren. Unser Taxifahrer kannte die Unterkunft, setzte uns wie versprochen ab und wir liefen ein paar kleine ungeteerte Wege entlang zum Arbeitsplatz unseres Gastgebers. Aufgrund von Aussprachedefiziten schaute uns ein junger nepalesischer Mann etwas länger irritiert an, bis wir die richtige Aussprache von Hemraj raushatten. Er machte sich auf den Weg und wollte ihn suchen. Drei Minuten später sollten wir diesem jungen Mann folgen, in das Gästehaus nebenan. Er unterhielt sich mit einem weiteren jungen Mann, beide klärten etwas und schließlich wurde uns ein Zimmer des Nirvana Peace Houses gezeigt, in dem wir nächtigen sollten. Kein Hemraj, wenig Informationen, wenig gemütlich. In dem Zimmer, welches quasi im Keller der Unterkunft lag, war es kälter als draußen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir eine Außentemperatur von 17 Grad. Jeder vorbeilaufende Mensch konnte in unsere neuen vier Wände schauen und wir fühlten uns ein wenig abgestempelt. Hätten wir noch besser verhandeln sollen? Gab es hier auch Räume, die wärmer als 15 Grad sind? Eine Heizung gab es nicht, eine warme Decke schon. Es roch feucht und nach Rauch. Das Grübeln würde nichts ändern – wir waren hungrig und neugierig auf die Umgebung. Und doch stellten wir uns den ganzen Abend über eine Frage  – wo ist eigentlich Hemraj ? 

Alle meine Sinne waren seit unserem Flug geweckt und ich nahm jede Situation, jeden Moment, jede Minute in unserem neuen Reiseland intensiv und aufmerksam wahr. Es passierte so viel Neues: die Menschen, die Farben, der Straßenverkehr, die Luft. Ich hatte Nepal nicht gegoogelt, ich hatte keinen Reiseführer gelesen und auch sonst keine Informationen über dieses Land gesammelt. Ob uns das zum Verhängnis werden sollte? Ich fand die Vorstellung reizend ein Land wie Nepal ohne Vorurteile und Vorwissen zu erkunden. Es einfach auf mich wirken zu lassen. Sollte das zu viel auf einmal sein? Was ich erlebte, entsprach meiner bildlichen Vorstellung von Indien – weniger extrem, quasi die Light-Version. Viele Menschen, viele Kinder, viel Bewegung. Zu enge Straßen, zu viele Roller und Fahrradrikschas. Eine Vielfalt an Menschenbildern in Staub und Stau. Ich las, dass Nepal ethisch und kulturell ein “Minoritätenmosaik” sei – ein Land in dem unzählige Ethnien und Kasten leben. 

Oleg und ich fühlten uns auf einmal als wären wir wirklich auf Weltreise. Das war genau das, wofür wir unterwegs sind. Das, was wir brauchten um anzukommen. Hier und jetzt. Ein Schubs in etwas Unbekanntes. Etwas so Neues, dass wir fast Angst davor haben etwas falsch zu machen. Genauso unvorbereitet, ohne Vorwarnung, aber mit einer riesigen Portion Neugierde und Lust auf dieses Land. Lebenslust, zum Greifen nah. Nepal fing uns ein, brachte unsere Emotionen auf Hochtouren und uns ab dem ersten Moment näher zusammen. 

Südostasien war zu einfach, zu ähnlich, zu wenig Nervenkitzel für unser Abenteuer Weltreise. Es war wie ein langer Urlaub. Und auch wenn es kein Urlaub in Frankreich, Portugal oder Holland war, fühlte es sich so vertraut an. Wir hatten zuvor beide bereits mehrere Länder in Südostasien gesehen und wussten was uns erwartet. Unser Horizont wurde wenig erweitert. Seit Nepal tut er das jede Minute. Wir saugen jede Minute auf den Straßen dieser Stadt ein, vorsichig und behutsam. Kathmandu zählt als stark smogbelastete Stadt. Zu diesem Zeitpunkt liegt eine Luftverschmutzung vor, die bereits als gefährlich eingestuft wird. Viele Straßen sind kaum geteert und ein Geschmisch aus Staub & Abgasen schwebt in der Luft. Zugleich riecht es an vielen Ecken nach Räucherstäbchen, dafür an der nächsten Ecke nach Fisch & Müll. Diese Stadt dient den meisten Reisenden als Ort für An- und Abreise in die Gebirge des Landes und der Normal-Trekking-Tourist bleibt kaum länger als drei Tage – er flieht schnell in die frische & saubere Bergluft. Die acht höchsten Berge unserer Erde befinden sich in Nepal, unter anderem der Höchste von allen: der Mount Everest. Diese Anzahl an Tagen benötigen wir doch, um uns zu akklimatisieren, anzukommen, zu erleben und zu realisieren. Um eine Unterkunft mit warmem Wasser und ohne Ameisen auf dem Bett zu finden. Um unsere Mägen mit dem neuen Essen vertraut zu machen. Während wir am ersten Abend noch unproblematische Nudeln verspeisten, trauten wir uns am zweiten Abend nach einer kleinen Recherche der Speisen der Menü-Karte in eine Art Fast-Food-Lokal, das wir entdeckt hatten. Momo, Chowmein, Thukpa und Manchuriyan waren Gerichte von denen wir bisher nichts gehört hatten. Umso gespannter waren wir sie in live auf unseren Tellern zu sehen. Die neugierigen Schlemmer-Gourmets in uns wurden geweckt. Die indische Küche hatten wir bereits in Malaysia für uns entdeckt und auch davon gab es hier vereinzelt Speisen. Wie würden unsere Körper auf die nepalesische Küche reagieren? 

Unser Start in Nepal verlief wirklich planlos, aber nicht hilflos. Immer wieder werden wir nach unseren Plänen in Nepal gefragt – Trekking? Sightseeing? Meditation? Volunteering? Gerne, alles. Irgenwie, irgendwo, irgendwann. Ich möchte dieses Land erleben, von ihm lernen, an ihm wachsen. Wir sind überfordert mit unseren Möglichkeiten und interessiert an so vielen Dingen. Wie sollen uns 30 Tage reichen? Wir könnten jemanden gebrauchen, der uns alle Optionen aufzeigt. Jedes Mal sträuben wir uns gegen gebuchte Touren und das soll auch in Nepal möglichst so bleiben. Ist das möglich? Wir denken, mit der richtigen Recherche geht alles. Irgendjemand wird genau unsere Idee auch bereits gehabt und in Zeiten der Reiseblogs darüber online berichtet haben. Reiseführer sind auch sehr hilfreich. Im Sparfuchsmodus warten wir jedoch meist ab, bis wir einen deutschen oder englischen Travelguide im Bücherregal finden. Und genau das ist heute passiert! Die Recherche für unser Nepal Abenteuer kann starten.


KENNT IHR SCHON UNSERE VLOGS ?

Unsere ersten Eindrücke aus Nepal gibt es

– H I E R – 

 

 

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